Home Internet Die Drosseldebatte um die Deutsche Telekom

telekom-logoWahnsinn! Die Beschwerdestelle kochte heftigst über unter dem Hashtag #Drosselkom und es gab definitiv einen Shitstorm, der immer noch anhält, wenn er auch schwächer wird. Grund für die Debatte ist die geplante, schrittweise Einführung der Drosselung von DSL-Verträgen von Telekom-Kunden. Dabei werden auch Bestandskunden durch die Zwangsumstellung auf IP-Telefonie betroffen sein. Somit dürfen Telekom-Kunden bei Erreichung von 75 GB oder mehr, je nach Tarif, mit 384 KB/s weiter durch das Internet surfen. Wie sich das anfühlt kann man hier einmal ausprobieren.

Netzneutralität in Gefahr

Selbst Philipp Rösler als Wirtschaftsminister schrieb in einem offenem Brief an die Telekom, dass er die Netzneutralität gefährdet sieht. René Obermann, Vorstandsvorsitzender der Telekom, kritisierte in einem Antwort-Schreiben scharf, dass das Argument Netzneutralität für den Anspruch auf unbegrenztes Datenvolumen missbraucht werde. Ich selbst sehe es wie Urs Mansmann im Editorial für die c’t, dass “magentafarbene” Bits bevorzugt werden.

In Obermanns Schreiben an Rösler verteidigt er, das Entertain-IPTV, sei jedoch kein „typischer Internetdienst, sondern eine von den deutschen Landesmedienanstalten durchregulierte separate Fernseh- und Medienplattform, für die unsere Kunden ein entsprechendes Zusatzentgelt bezahlen“, wie Obermann schreibt. Daten aus der TelekomCloud, andere Telekom- und telekomfremde Dienste werden angerechnet, sofern sie nicht dafür bezahlen, wie es angeblich zur Zeit mit YouTube in Verhandlung steht.

In meinen Augen ist dies aber auch wieder eine unfaire Kostenverteilung auf die Kunden. Zahlt bspw. Watchever (Video-On-Demand-Anbieter) an die Telekom Geld, dass sie nicht gedrosselt werden bei Telekom-Kunden, müssen sie eventuell die Preise erhöhen, die dann auch bspw. Kabelkunden die über ins Internet gehen zahlen, obwohl sie nichts mit der Telekom zu tun haben.

Warum eigentlich gleich in die Steinzeit zurück?

Schlägt die Drossel der Telekom zu, surft man mit 384 KB/s weiter. Das wird auch als DSL Light bezeichnet, ist aber in Zeiten grafiklastiger Webseiten, die auch gerne interaktiv mit Java oder Silverlight für mehr Datenverkehr sorgen, einfach nicht mehr zeitgemäß. Wir sprechen hier nicht von Musik- oder Video-Streaming sondern das Surfen, wie es heutzutage aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken ist. Mit einer Drosselung auf 1000 KB/s oder zähneknirschend 768 KB/s (landläufig auch Bauern DSL genannt), könnte man eher leben als einer drakonischen Strafe von 368 Kilobit die Sekunde.

Klar, je langsamer man durch das Internet surft, desto weniger Datenvolumina entsteht und laut der deutschen Telekom sollen deren Backbones hier bereits an Engpässen kratzen, sodass “in den Netzausbau” investiert werden muss und Intensiv-Nutzer mehr zahlen müssen, um den Netzausbau zu finanzieren.

Hierbei bildet beim Netzausbau der deutschen Telekom “die letzte Meile” den Schwerpunkt. Ohne hierbei zu technisch zu werden: Die letzte Meile ist nicht das Backbone-Netzwerk, wo die Engpässe angeblich entstehen. Im Gegenteil schnellere “letzte Meilen” vom Endkunden zum Backbone erhöhen das Datenvolumen! Für mich ist das ein klarer Widerspruch und ein haltloses Argument für eine Drosselung!

Abgesehen davon glaubt der Router-Hersteller Viprinet daran, dass es gigantische Backbone-Überkapazitäten gibt und “bei einem DSL-Zugang macht das in der Gesamtkalkulation des Providers nur Cent-Beträge aus”. Mit anderen Worten: Die angeblichen Engpässe sind nur ein vorgeschobener Grund um Umsatz und Rendite für die Telekom Aktionäre zu generieren.

Volumengrenzen nicht zeitgemäß

Ebenfalls nicht zeitgemäß, neben der Drosselungsgeschwindigkeit sind die Datenvolumen-Grenzen, ab denen die Drossel greift. Ab 75 GB wird ein DSL 16.000 Anschluss auf DSL Light gebremst. Das geschieht bereits nach 10 Stunden und 40 Minuten Voll-Nutzung.

Mit der Drosselung kann man dann inklusive der 75 GB maximal 194 Gigabyte Daten aus dem Netz laden, ausgehend davon, dass man nur noch vor dem Rechner sitzt. Ich selbst zähle mich nicht zu den Heavy Usern im Internet und lade von keinen Tauschbörsen oder One-Click-Hostern Filme oder Software illegal herunter. Ich schaue lediglich ein paar Folgen und Filme auf Watchever online und surfe durchs Web. Den zweitgrößten Posten an Datenverkehr dürfte ausmachen.

Und ich habe im April 2013 126 Gigabyte Datenvolumina verbraucht. Laut René Obermann soll der Durchschnittsverbrauch bei 15 bis 20 Gigabyte monatlich bei Telekom-Kunden liegen. Meine Meinung ist, dass hier die Digital Natives (Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind) mit Ihrer Internet-Nutzung von den Digital Immigrants bei der Erhebung des Durchschnitts verwässert wurden und keinesfalls das arithmetische Mittel angewendet werden sollte, sondern sich hier eher der Median anbietet. Bisschen mathematisch statistisch ich weiß, aber der normale Durchschnitt ist nun mal anfällig für extreme Ausreißer, wie es der Opa mit seinen monatlichen 4 stündigem Webaufenthalt nun einmal ist.

Wie geht’s weiter?

Spontan würde ich sagen, dass viele Kunden in Zukunft der Telekom den Rücken kehren werden. Hier gibt es aber auch noch die Theorie, dass die anderen Provider ebenfalls Drosselungen einführen oder die Preise direkt erhöhen. Zwar dementiert bspw. Unitymedia dies, aber bis die Telekom in drei Jahren richtig ernst mit den Drosseln macht, könnten die vielen Dementis der Vergangenheit angehören.

Ich glaube aber nicht daran, sondern hoffe auf ein Einschreiten der Bundesnetzagentur und vielen Abwanderungen der Telekom-Kunden zu Wettbewerbern. Das sollte zu einem Einlenken der Telekom führen. Wenn man seine Scheuklappen mal abnimmt, dann sieht man, dass Deutschland das einzige Land weltweit ist, in dem Datenvolumen ein Thema ist. Bis sich die Politik sich weiter mit dem Thema beschäftigt und die “technikfernen” und trägen Telekom-Kunden merken, dass sie einen gierigen Provider haben, bleibt nur eins übrig: Die Petition von Malte Götz zu unterschreiben.