Home Filme / Kino Piratendoku behind the Scenes: Interview mit David Brych

Zehn Monate lang hat der Filmproduzent David Brych die Piratenpartei im Landestagswahlkampf 2013 in Niedersachsen begleitet. Nachdem ich die Gelegenheit hatte vor Veröffentlichung der Piratendoku mir vorab eine Meinung über die Politikdokumentation zu bilden, brannten mir danach einige Fragen unter den Fingernägeln. Eine junge – damals aufstrebende – Partei über fast einem Jahr zu begleiten und die Produktion komplett selbst zu finanzieren, stellte ich mir schwierig vor. David kenne ich seit dem Tweetcamp 2013 und so stand er mir Rede und Antwort über Finanzierung, Filmequipment, Motivation und der Geburt der Idee im nachfolgendem Interview.

Christopher: Wie bist Du auf die Idee gekommen die Piratenpartei bei ihrem Wahlkampf zu begleiten? Warum ausgerechnet die Piratenpartei in Niedersachsen? Du selbst lebst lebst ja in Köln.

David: Mir kam die Idee als ich mitbekam wie einige Leute am Stammtisch davon sprachen bei den Piraten zu partizipieren, da diese in den Umfragen teilweise sogar bei 14 Prozent lagen und es wegen der basisdemokratischen Ausrichtung die Möglichkeit gab auf die Landesliste zu kommen. Stichwort: Trittbrettfahrer. Als ich Anfang 2012 noch in Hamburg lebte und die Wahl in Niedersachsen noch ein Jahr auf sich warten ließ, bot sich die Begleitung dieses Wahlkampfs an. In Köln lebe ich erst seit letztem Sommer und gründe hier jetzt meine Familie.

Christopher: Mit welchem Filmequipment habt Ihr die Doku aufgenommen?

David: Sämtliches Equipment gehört mir. Für eine derartige dokumentarische Arbeit reicht es im Grund genommen. Zu Beginn der Dreharbeiten hatte ich leider nicht genügend eigene P2-Speicherkarten von Panasonic, um die ewig langen Parteitage zu begleiten. Deshalb musste ich auf MiniDV Tapes ausweichen. Da ich aber auch für diese kein Geld ausgeben wollte und konnte, benutze ich alte, gebrauchte Tapes von Übungsaufnahmen einer Hamburger Filmhochschule. Kein Scherz! Diese alten Tapes hatte mir ein technischer Mitarbeiter besorgt. Deswegen hatten wir einige Drop-Outs und asynchrones Material besonders bei dem Drehtag in Nienburg, der ersten Aufstellungsversammlung. Das Stativ lieh ich mir von gut gestimmten Mitarbeitern der Kameratechnik bei Studio Hamburg, die das Projekt cool fanden und bei denen ich mich mit Süßigkeiten revanchierte.
Das Equipment bestand die meiste Zeit aus einer Panasonic HVX 200, Stativ, Baustrahler, einem Funkmikro von Sennheiser, dem Angel MKH416 und einem externen Soundrekorder von Tascam für den FOH-Mix bei Großveranstaltungen. Da ich kein Kopflicht hatte, klebte ich eine Taschenlampe auf die Kamera, um im Dunklen der Nacht drehen zu können.

Christopher: Wie war es für Dich und dein Team, die mehreren Aufstellungsversammlungen zu besuchen? Hattet Ihr Momente, wo Ihr am liebsten sagen würdet, das Filmen abzubrechen, weil es so ein hin und her bei der Aufstellung der Kandidaten war?

David: Als ich die erste Aufstellungsversammlung besuchte, war ich sehr gespannt und neugierig, was auf mich zukommen würde, wie die Leute drauf sein würden und wie die Geschichte sich überhaupt entwickeln könnte. Obwohl ich ein politisch interessierter Bürger bin, war ich selbst in keiner Partei bisher aktiv und habe daher natürlich auch nie eine Aufstellungsversammlung besucht. Nach einigen Stunden voller Vorstellungen, Abstimmungen und Wahlen ist man der ganzen Zeremonie auch wirklich überdrüssig. Es ist bürokratisch, förmlich und überaus langweilig.
Da anfangs noch keine festen Protagonisten feststanden und quasi jeder potentiell interessant sein konnte, musste ich alles aufmerksam verfolgen was passierte.
Im Grunde genommen hatte ich nie ein „Team“ bei den Dreharbeiten dabei. Entweder ich war allein unterwegs oder mit meiner Freundin, die mich bei diesem verrückten Hobby glücklicherweise sehr unterstützte oder ich hatte als Assistenten meinen Praktikanten mit im Boot.
Bei einem Drehtag in Delmenhorst gönnte ich mir einen Tonassistenten, dem ich immerhin eine Gage von 200 Euro zahlte.

Die ewigen Wiederholungen dieser nicht enden wollenden Veranstaltungen zerrten schon sehr an meiner physischen Verfassung, aber abbrechen wollte ich diese nie. Bei der zweiten Aufstellungsversammlung in Wolfenbüttel wollten meine Freundin und ich ursprünglich nur einen Tag drehen. Leider dauerte die Wahl mit den dazugehörigen Vorstellungs- und Diskussionsrunden wegen etlicher Formfehler länger als für die Versammlung insgesamt vorgesehen war und wurde schließlich vertagt. Das führte dazu, dass wir unseren Mietwagen einen Tag länger leihen mussten und spontan ein Hotel in Wolfenbüttel aufsuchten. Wir hatten nicht einmal Wechselwäsche oder Zahnbürsten dabei! Alle anderen Medienvertreter waren da weniger ausdauernd. Glücklicherweise machte meine Freundin dieses Spektakel mit.

Christopher: Wie hast Du die Piratendoku finanziert? Haben die Piraten selbst mit Geldern unterstützt?

David: Wie bereits angedeutet, habe ich vor allem versucht die Kosten so gering wie möglich zu halten. Abgesehen davon, dass ich selbst natürlich viel unbezahlte Arbeitszeit in den Film steckte, beliefen sich die Kosten hauptsächlich auf Sprit-, Auto- und Cateringkosten. Anfangs versuchte ich mich sehr laienhaft und naiv mit Crowdfunding über die Plattform Pling, die meines Wissens nach nicht mehr existent ist, zu finanzieren. Leider ist mein Projekt auf der Plattform quasi unbeachtet gescheitert. Durch die Piraten hörte ich dann von der Pledgebank, auf der ich mich dann mit Kleinstbeträgen von Drehtag zu Drehtag hangelte. Meine Gönner waren zum Großteil Follower unseres Twitteraccounts @piratendoku und Piraten.
Diese „Spenden“ hatten aber inhaltlich keinen Einfluss auf den Film. Weder in die eine, noch in die andere Richtung. Es handelte sich um Kleinstspenden, aber sie motivierten mich sehr!

Christopher: Wie war das Feedback der Piratenpartei selbst? Auf Twitter habe ich mal kurz mitbekommen, dass es harsche Kritik gegeben haben soll? Was hat es damit aufsich?

David: Ein allgemeines Feedback habe ich nicht direkt bekommen. Die Mitglieder des Landesverbandes in Niedersachsen waren dem Projekt aufgeschlossen gegenüber. Es wurde auch akzeptiert, wie ich mit den Themen umging, wobei ich da kein Blatt vor den Mund nahm. Die Arbeit an der Doku war aber auch von Anfang an bewusst sehr transparent.
Da die Berichterstattung über die junge Partei allgemein eher reißerisch lächerlich war, wurde auch ich von manchen skeptisch beäugt. Das relativierte sich aber je mehr Drehtage ins Land gingen und je mehr Videoblogs ich veröffentlichte. Man erkannte mich und rief mich „Piratendoku“.
Die kritischsten Stimmen entgegneten mir eher von Außenstehenden bzw. von Gegnern der Piraten, die mir vorwarfen einen Werbefilm zu drehen und Ähnliches.

Christopher: Warum war der Schnitt der Piratendoku so schwierig und was fehlte den „Schnitten“ vorher, was nun die finale Fassung hat?

David: Direkt nach dem letzten Drehtag am 20. Januar 2013 begann ich den Rohschnitt des Films. Neben meinem normalen Tagesgeschäft verlebte ich Tag für Tag und Abend für Abend oder auch Nacht für Nacht mit der Sichtung und Selektion des Filmmaterials. Ich gammelte allein vor dem Schnittrechner und ernährte mich von Pizza und Spaghetti mit Pesto, sowie je nach Tageszeit von Kaffee, Bier und Club Mate. In dieser Zeit twitterte ich auch privat sehr viel um ein wenig „Kontakt“ zur Außenwelt zu haben. Es war rückblickend wie eine Metamorphose. Ich durchlebte die Dreharbeiten resümierend noch einmal. Ich lachte, trauerte und langweilte mich. Immer wieder fragte ich mich was dieses ganze Theater sollte und ob das überhaupt jemals fertig werden könnte.
Diese Rohschnittversion brauchte ich sehr dringend bis zum 18. Februar, da an diesem Tag die Einreichung bei der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein fällig war. Bei der Filmförderung plante ich Postproduktionsförderung zu beantragen, um wenigstens die Finalisierung des Films adäquat finanzieren zu können.
Parallel sprach ich mit verschiedenen Verleihern über den Film und gewann einen, der den Film sehr gern zur Bundestagswahl veröffentlichen wollte. Für die Einreichung bei der Filmförderung ist eine Interessensbekundung eines Fernsehsenders oder Kinoverleihers erforderlich bzw. gewünscht.
Als ich aber den Rohschnitt beim Verleih abgab, fragte man mich wieso der Ton so schlecht sei und wieso so viele Schnitte unsauber seien.
Ich erwiderte nur, dass es sich ja um einen Rohschnitt handelte, der die Dramaturgie zeigen sollte und einen ersten Eindruck des Films. Selbstverständlich muss man da beim Sichten der DVD noch etwas Abstrahieren. Die letztendliche Bearbeitung könnte ich ja schließlich erst mit dem erhofften Geld der Filmförderung machen. Diesem Verleih war (so) ein Rohschnitt anscheinend noch nicht unter gekommen.

Als mir die Filmförderung dann aber das beantragte Geld nicht genehmigte, verfiel ich in eine Lethargie bezüglich der Doku und wollte sie nicht mehr anfassen. Nach etwa drei Monaten fasste ich neuen Elan und entschloss den Film nun aus eigener Tasche weiter zu finanzieren und den Schnitt an eine erfahrene Dokumentarfilm Cutterin abzugeben. So startete die Cutterin im Spätsommer 2013 mit der Weiterentwicklung meines Rohschnitts. Ich musste sie in kleinen Raten bezahlen, da ich mir nicht erlauben konnte sie direkt für ein paar Wochen zu buchen. Dadurch verzögerte sich der Schnitt natürlich sehr! Ich hatte aber keine Eile. Bis zur Bundestagswahl würden wir es sowieso nicht schaffen und somit ließ ich sie einfach schneiden. Monatlich trafen wir uns zur gemeinsamen Sichtung. Manchmal brachte sie mir auch nur eine DVD vorbei. Die einzelnen Fragmente und vielen Episoden des Films schienen nicht zusammen zu passen. Es gab zu viele interessante oder langweilige Passsagen oder war nicht witzig. Es fällt mir schwer das heute noch zu resümieren, aber irgendwie gefiel mir das ganze Projekt nicht mehr. Doch dann lieferte sie mir plötzlich eine Version, die mich total überzeugte.

Ich lag auf dem Sofa und schaute sehr motivationslos den Rohschnitt an, als ich plötzlich bewegt und begeistert war. Ich griff direkt zum Telefon, rief Annette an und sagte ihr: „Annette, ich hab den Schnitt gesehen. Jetzt spielt er meinen Jazz! Nächste Woche machen wir das Ding fertig!“

Christopher: Warum hast Du dich für den Titel „Medial nicht darstellbar“ entschieden?

David: Schon bei der ersten Aufstellungsversammlung in Nienburg haben die Piraten sich sehr viel Zeit gelassen und die Planung der anwesenden Journalisten total sabotiert. Ein NDR-Redakteur, vermutlich verantwortlich für einen Tagesschau-Beitrag, wollte abends noch mit der Verkündung des Spitzenkandidaten der Piratenpartei in Niedersachsen auf Sendung gehen, doch die Piratenpartei war noch nicht soweit. Daraufhin sagte der Redakteur zu Andreas Neugebauer, Landesvorsitzender der Piraten Niedersachsen: „Herr Neugebauer, dass was Sie hier abziehen, das ist medial nicht darstellbar!“ Darauf antwortete Andreas: „Da habe ich Verständnis für, aber wir machen das hier nicht für die Medien, sondern für uns und die Demokratie!“
Da dieser Satz mir damals schon sehr gefallen hat, brannte er sich tief in mein Gedächtnis und prägte schließlich den letztendlichen Titel des Films. Als Arbeitstitel hatte ich „Politikverdrossene Politiker – Die Piratendoku“ benutzt, der finale Titel beschreibt meine Erlebnisse aber deutlicher.

Christopher: Wie hast Du den Wahlkampf der Piraten begleitend erlebt, was die Doku leider, oder Gott sei Dank, nicht eingefangen hat oder einfangen konnte?

David: Ich drehte über ca. 10 Monate alle paar Wochen für ein oder zwei Tage mit den Piraten. Das waren nicht nur etliche Drehtage sondern natürlich auch etliche Stunden Material. Viele Drehtage waren kaum oder überhaupt nicht planbar und so lief die Kamera nahezu nonstop. Nur ein Akkuwechsel oder eine volle Speicherkarte unterbrachen diesen Amokdreh. Ohne das ich es wirklich gezählt hätte, sind etwa 80 Stunden Material vorhanden. Nun ist verhältnismäßig wenig von dem Gedrehten letztendlich im Film gelandet, aber das ist unter diesen Umständen nachvollziehbar. Vielleicht muss es so einem Tierfilmer ergehen, der lange im Dickicht auf verschiedene Tiere wartet und dabei die Kamera laufen lässt.
Zum Glück ist nicht jede Drehminute im Film gelandet. Das Rohmaterial ist teilweise sehr langweiliger Mist. Doch ab und zu blitzt eine kleine Geschichte, ein Gag oder eine Absurdität auf, die man dann konserviert und eventuell in den Film packt. Manche Teilinterviews habe ich auch schlicht verbummelt. Bei einer Antwort habe ich das besonders bedauert und sie noch kurz vor Schluss des Picture Locks erfolglos gesucht. Leider sind ganze Drehtage oder auch Protagonisten nicht im Film gelandet. Es gab zum Beispiel einen Infoabend über Urheberrechte mit Bruno Gert Kramm, eine Wahlparty in Hildesheim für die Schleswig-Holstein Wahl und einen Besuch des Atomzwischenlagers Gorleben, die leider am Ende nicht mehr in das Konzept des Films passten.
Unter den Piraten gab es auch ein Mitglied, das sich für die Straffreiheit von Holocaust-Leugnern einsetzte. Diese Person wurde bei öffentlichen Versammlungen oft ausgebuht, ausgepfiffen und einmal durch gemeinschaftliches Verlassen des Saals boykottiert. Ich interviewte auch diese Person sowie weitere Piraten bezüglich dieser Vorfälle, da ich davon ausgehen musste, dass es eventuell im weiteren Verlauf des Films eine Rolle spielen könnte. Nach dem entsprechenden Drehtag kontaktierte mich der Staatsschutz und verlangte die Auslieferung des gedrehten Materials. Daraufhin suchten wir die entsprechenden Szenen und Interviews aus dem Material und übergaben es der Behörde. Dieser Aufwand wurde uns übrigens nicht entschädigt. Auf Nachfrage bot man mir telefonisch zwei Euro für den DVD Rohling und es drohte uns der Staatsanwalt mit einer Bürodurchsuchung sowie Konfiszierung sämtlichen Materials und Computer, würden wir weiter auf eine Entschädigung bestehen. Natürlich wäre eine Durchsuchung und Konfiszierung für die Behörde sehr viel teurer geworden als die Entschädigung eines Schnitttages, aber nach dieser Drohung lenkte ich ein und verzichtete.
Anschließend bekam ich noch eine verärgerte SMS der angesprochenen Person, ich solle ihn gefälligst daraus lassen, was mir unter diesen Umständen und hinsichtlich der Dramaturgie des Films sowieso viel lieber war.

Christopher: Wie viele Stunden Arbeit an Dreh, Recherche, sonstigen Vorbereitungen und Schnitt würdest Du schätzen oder weißt Du es dank Zeiterfassung vielleicht sogar genau, stecken in der Piratendoku? Ist das ein üblicher Wert oder ein über- oder unterdurchschnittlicher Wert?

David: In genauen Zahlen kann ich die Arbeitszeit nicht benennen, aber im Grunde genommen ist der Aufwand üblich. Nur habe ich in diesem Fall sehr viele Tätigkeiten in Personalunion ausgeführt. Als Produzent, Regisseur, Kameramann, Cutter und Blogger in einer Person habe ich natürlich sehr viel an diesem Projekt gewerkelt. Das wären über den Produktionszeitraum Personalkosten von mindestens 40.000,- EUR.
23 Drehtage zuzüglich Vor- und Nachbereitung etwa 50 Tage sowie 28 Tage Rohschnitt.
Die Cutterin hat wahrscheinlich insgesamt einen Monat geschnitten, der Sounddesigner arbeitete etwa zwei Wochen an der Mischung, Musik etwa eine Woche, Artwork nochmal eine Woche. Animationen und Abspann mindestens 10 Tage.

Christopher: Worauf bist Du bei der Piratendoku besonders stolz?

David: Ich bin sehr stolz darauf, dass der Film so tolle Protagonisten hat. Diese überzeugenden Persönlichkeiten haben mir die ganze Zeit sehr viel Freude bereitet und die haben gleichzeitig auch noch viel mehr und schlimmeres durchgemacht als ich. Mir ist nach wie vor unverständlich wie man seine Freizeit mit diesen bürokratischen Pflichten vollstopft in der Hoffnung die Welt zu verändern… sehr bemerkenswert!
Ich bin stolz auf mein kleines Team, das sich mit diesem Projekt identifizieren konnte und mit sehr wenig oder ohne Geld mitgegangen ist auf diesem ungewissen Weg.
Ich bin stolz darauf, dass der Film fertig geworden ist, trotz der oben beschriebenen Hindernisse.

Christopher: Vielen Dank David, für deine ausfürhlichen Antworten!

David: Gerne!

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