Grafik: Totgesagte leben länger, auch die Systemsteuerung. Zeitleiste von Windows 1.0 (1985) bis Project Odeon (2026), die Systemsteuerung lebt noch

Project Odeon: Totgesagte leben länger, auch die Systemsteuerung

Microsoft versucht mal wieder die alte Systemsteuerung loszuwerden: Im Microsoft Store ist eine Test-App namens Project Odeon aufgetaucht, die aussieht wie die Einstellungen von Windows 11, aber eine eigenständige App im Store ist. Darüber zuerst gestolpert ist Windows Latest, kurz darauf hat auch Pureinfotech das Stöckchen weitergereicht, und seitdem wird mal wieder die alte Systemsteuerung zu Grabe getragen.

Ich muss ehrlich sein: Ich hänge an der alten Systemsteuerung. Die kennt man nach all den Jahren auswendig und weiß, wo was ist. Bei den Einstellungen suche ich dagegen nach so manchem größeren Update erst einmal, wo Microsoft die Funktion diesmal versteckt hat. Ist halt wie im Supermarkt, nachdem umgeräumt wurde. Trotzdem bin ich neugierig und habe die App in einer eigenen virtuellen Maschine installiert und ausprobiert. Hinterher ist es doch die reine Weißheit von UX und UI.

Project Odeon

Laut Windows Latest liegt die App unter dem Paketnamen Microsoft.ProjectOdeon im Store, ist als „Preview“ gekennzeichnet und stammt von Microsoft selbst. Über die Suche im Store findet man sie allerdings nicht.

Odeon ersetzt die eingebauten Einstellungen nicht, sondern läuft parallel dazu. Der Gedanke dahinter ist wahrscheinlich: Kommen die Einstellungen als App aus dem Store, kann Microsoft Änderungen leichter verteilen, ohne auf ein großes Windows-Update warten zu müssen. Offiziell bestätigt hat Microsoft das Projekt bislang aber nicht.

Odeon kurz ausprobiert

Für den Test habe ich mir eine virtuelle Maschine mit Windows 11 Enterprise 26H2 in der Evaluationsversion aufgesetzt, die Microsoft kostenlos zum Testen anbietet. Das App-Paket stammt direkt von Microsofts Auslieferungsservern und ist von Microsoft signiert. Dabei ist mir aufgefallen, dass dort inzwischen schon Version 3.0.1.0 liegt, Windows Latest hatte noch 1.0.9.0 getestet. Zwischen den beiden Versionen hat Microsoft den Unterbau komplett getauscht und ist von der alten UWP-Technik auf WinUI 3 umgestiegen.

Ohne Entwicklermodus lässt sich Odeon nicht installieren. Windows bricht mit dem Fehler 0x80073CF6 ab und begründet das mit „Die SCCD der benutzerdefinierten Funktion setzt den Entwicklermodus voraus“. Die App nutzt also eine Sonderberechtigung, die Windows bislang nur Entwicklern durchgehen lässt. Mit eingeschaltetem Entwicklermodus lief die Installation dann ohne Probleme durch.

Auf den ersten Blick sieht Odeon aus wie die Einstellungen, die wir kennen. Auf den zweiten Blick merkt man schnell, dass hier noch viel Baustelle ist. Die Oberfläche gibt es nur auf Englisch, mittendrin tauchen aber deutsche Texte von Windows auf. Viele Seiten zeigen nur an, was Windows meldet, und weisen ausdrücklich darauf hin, dass sich nicht verfügbare Werte nicht ändern lassen. Bei den Druckern steht offen dabei, dass Universal Print, Wi-Fi Direct und die Einrichtung in Remote-Sitzungen noch fehlen. Und unter Netzwerk hat es sogar die Einwahlverbindung (Dial-up) in die neue App geschafft. Zukunft sieht anders aus oder?

Startet man Odeon mit dem versteckten Parameter –preview, landet man in einem Vorschaumodus mit Testdaten. Dann ist man ein „Test User“ mit der Adresse user@example.com und sitzt an einem „Enterprise-Preview-PC“ auf Microsoft Dev Box. Laut Hinweis in der App werden dabei keine Windows-Einstellungen verändert.

Warum ich lieber bei der alten Systemsteuerung bleibe

Weil sie einfach funktioniert. Ich habe in der VM die klassischen Befehle durchprobiert, und unter Windows 11 26H2 öffnen 13 von 14 noch genau das Fenster, das man seit Jahren kennt: control für die Systemsteuerung, ncpa.cpl für die Netzwerkverbindungen, appwiz.cpl für Programme und Features, mmsys.cpl für Sound, sysdm.cpl für die Systemeigenschaften, main.cpl für die Maus und so weiter. Nur desk.cpl leitet inzwischen in die Einstellungen um. Auch der Weg aus unserer Anleitung zur Windows-Firewall von 2014 funktioniert im Kern heute noch, die „Erweiterten Einstellungen“ sind in der Systemsteuerung genau da, wo sie damals auch waren.

Die Einstellungen-App dagegen ist leider immer mal wieder für eine Überraschung gut. Ende 2024 konnten Nutzer ohne Adminrechte unter Windows 11 24H2 die Zeitzone in den Einstellungen nicht mehr ändern, und Microsofts eigener Workaround war laut BornCity ausgerechnet die klassische Systemsteuerung. Günter Born hat es bei der Behebung im Februar 2025 treffend zusammengefasst: „Was ein Glück, dass die alte Systemsteuerung noch bei Windows 11 24H2 an Bord geblieben ist.“

Im November 2025 hat Microsoft dann bestätigt, dass nach Updates seit Juli 2025 auf manchen Systemen neben Startmenü und Taskleiste auch die Einstellungen abstürzen können, wie Deskmodder berichtet hat. Und seit dem September-Update 2026 führt Microsoft in seiner Liste bekannter Probleme bei bestimmten USB-Audiogeräten den Punkt „Sound settings are unresponsive or unavailable“, behoben ist das bis heute nur teilweise.

Zudem wird sich die alte Systemsteuerung wohl nicht so leicht als Game-Pass-Werbe-Plattform missbrauchen lassen, die Microsoft 2024 auf die Startseite der neuen Einstellungen gepackt hat.

Dazu kommt, dass Odeon die Einstellungen in den Store verlagern würde. Was das bedeuten kann, hat man im Januar gesehen, als ein Fehler auf den Servern des Microsoft Store dafür gesorgt hat, dass sich Notepad, Paint, das Snipping Tool und sogar die Windows-Sicherheit bei vielen Nutzern nicht mehr öffnen ließen. Die Systemsteuerung hängt an keinem Server, die ist einfach da.

Seit wann will Microsoft die Systemsteuerung eigentlich loswerden?

Die Systemsteuerung gibt es seit Windows 1.0, also seit 1985. Da war ich übrigens noch nicht geboren. Der erste ernsthafte Versuch, sie abzulösen, kam mit Windows 8. Erinnert sich noch jemand? Auf der Entwicklerkonferenz BUILD im September 2011 stellte Microsoft die erste Vorabversion vor, und Brandon LeBlanc schrieb damals im Windows-Blog von einer „Metro style Control Panel app“, einer Systemsteuerung im neuen Kachel-Design. Im Oktober 2012 kamen mit Windows 8 dann die PC-Einstellungen, die alte Systemsteuerung blieb aber. Wir haben hier auf bitpage übrigens auch über die Neuerungen von Windows 8 berichtet.

Mit Windows 10 wurden aus den PC-Einstellungen 2015 die Einstellungen, wie wir sie heute kennen. Im Oktober 2015 schrieb derselbe Brandon LeBlanc auf Twitter den Satz „Settings will eventually supersede Control Panel“, also dass die Einstellungen die Systemsteuerung irgendwann ablösen werden. WindowsArea und BornCity sahen damals schon das Ende der Systemsteuerung kommen. Im Oktober 2016 flog die Systemsteuerung in einer Vorabversion von Windows 10 dann aus dem Menü, das man mit Windows+X öffnet. 2020 leitete Microsoft die Seite „System“ der Systemsteuerung auf die Infoseite der Einstellungen um. Und wer hat das im Windows-Insider-Blog angekündigt? Wieder Brandon LeBlanc, samt dem Versprechen, dass weitere Verbesserungen folgen, die die Einstellungen näher an die Systemsteuerung heranbringen.

August 2024 stand dann auf einer Supportseite von Microsoft schwarz auf weiß, dass die Systemsteuerung zugunsten der Einstellungen-App abgekündigt wird. Kurz darauf wurde der Satz wieder entschärft. Seitdem hieß es nur noch, dass viele Einstellungen gerade in die Einstellungen-App migriert werden, wie Pureinfotech mit beiden Formulierungen dokumentiert hat.

Im April 2026 hat March Rogers, Partner Director of Design bei Microsoft, auf X geschrieben, dass man nach und nach alle alten Elemente der Systemsteuerung in die Einstellungen holt, und zwar bewusst vorsichtig, weil sehr viele Netzwerk- und Druckertreiber daran hängen. Einen Termin nannte auch er nicht.

Und noch im August hat Windows Latest festgestellt, dass man beim manuellen Hinzufügen eines Druckers oder bei der Dateiübertragung per Bluetooth weiterhin in alten Dialogen landet.

Rechnet man vom ersten Anlauf im September 2011, versucht Microsoft also seit gut 15 Jahren, die Systemsteuerung abzulösen. Die Systemsteuerung selbst ist inzwischen fast 41 Jahre alt. Da würde ich irgendwann auch keinen Termin mehr nennen wollen.

Totgesagte leben länger

Die Systemsteuerung wäre auch nicht der erste Windows-Bestandteil, den Microsoft schon begraben wollte: Paint stand 2017 auf der Liste der Funktionen, die mit dem Fall Creators Update als veraltet gelten sollten, Paint 3D sollte übernehmen. Nach einem ziemlichen Aufschrei schrieb Microsoft im Windows-Blog „MS Paint is here to stay“, die Streichliste von damals hat BornCity archiviert.

Paint hat 2023 sogar Ebenen bekommen, Paint 3D ist dagegen seit November 2024 aus dem Store verschwunden.

Beim Snipping Tool hieß es 2018 im Windows-Insider-Blog, dass es in einem künftigen Update entfernt wird und Ausschneiden und Skizzieren übernimmt. Mit Windows 11 kam es dann genau andersherum, das Snipping Tool blieb und die Nachfolge-App ging. Und als PowerShell 2016 im Windows+X-Menü die Eingabeaufforderung ersetzte, hat Microsoft Anfang 2017 sogar extra einen Blogbeitrag mit dem Titel „Rumors of Cmd’s death have been greatly exaggerated“ veröffentlicht. Die Datenträgerbereinigung hat Microsoft 2018 zugunsten der Speicheroptimierung für veraltet erklärt, und trotzdem verlinkt selbst Odeon in seiner Hilfe noch auf sie.

Natürlich hat Microsoft auch schon Ernst gemacht. WordPad ist seit Windows 11 24H2 endgültig weg, und der Internet Explorer wurde im Februar 2023 abgeschaltet. Das hätte ich, um ehrlich zu sein, gar nicht so zeitnah erwartet, da der Internet Explorer an vielen Stellen im System tief veranktert war. Für beides gab es aber längst einen vollwertigen Ersatz. Bei der Systemsteuerung ist das bis heute nicht der Fall, wie man an Odeon ganz gut sieht und selbst in Version 3.0.1.0 noch viele Legacy-Dialoge aufgerufen werden.

Wie sieht es bei Euch aus, nutzt Ihr die Systemsteuerung noch regelmäßig oder habt Ihr Euch längst an die „Einstellungen“ gewöhnt? Schreibt es mir gern in die Kommentare.

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Veröffentlicht von

Christopher Piontek

Technik begeistert mich, und darüber schreibe ich auf Bitpage.de schon seit 2012. Hauptberuflich bin ich Entwickler, nebenbei teste ich Software und schraube an alter Hardware. Hier findet Ihr Anleitungen, Erfahrungsberichte und meine Meinung, mal auf Nerd-Level, mal als schneller Praxistipp.

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